Liquiditätsfalle oder Investitionsfalle

weissgarnix legt sehr viel Wert darauf festzustellen, dass es sich bei der Finanzmarktkrise nicht um ein Phänomen der Liquiditätsfalle handelt, sondern um das der Investitionsfalle (hier, hier und hier). In beiden Fällen sind die Symptome ähnlich: Die Geldpolitik hat keinen Effekt mehr auf die Kreditvergabe und letztlich auf den Output, selbst wenn sie die Leitzinsen auf 0% senkt.

Allerdings unterscheiden sich die Ursachen: Bei der Liquiditätsfalle ist das Argument, dass die Zentralbank in einer Rezession die Zinsen so weit gesenkt hat, dass der nächste Schritt eigentlich nur eine Zinserhöhung sein kann, weshalb die Sparer ihr Geld in Bargeld halten, und nicht verleihen. Demgegenüber sind in einer Investitionsfalle die Ertragserwartungen so unsicher, dass die Sparer deswegen kein Geld verleihen, weil der Erwartungswert der Rendite zu niedrig geworden ist.

Man könnte jetzt natürlich einwenden, dass das Wortklauberei sei, weil der Effekt ja der Gleiche wäre. Dem ist aber nicht so, weil das „Patentrezept“ für das Herauskommen aus der Liquiditätsfalle – quantitative easing – nicht helfen kann, wenn die Ursachen die unsichereren Ertragserwartungen sind, im Wesentlichen also die Unsicherheit unter den Banken, ob ihr Geschäftspartner denn auch in der Lage sein wird, Zins und Tilgung zu bedienen. Im Grunde handelt es sich also um eine Wiederholung der Diskussion am Anfang der Krise, ob die Banken Liquiditätsprobleme oder Eigenkapitalprobleme haben, oder, wie es ja Buitler schon gefordert hat, wenn die Banken nicht wieder ihre Aufgaben übernehmen, ob diese unter staatliche Verwaltung gestellt werden müssten.

US-Bürgschaften ins Verhältnis gesetzt

Früher war ein Spruch amerikanischer Haushaltspolitiker „Eine Milliarde hier, eine Milliarde dort, und schnell spricht man über eine richtige Menge Geld.“

US-Rettungspakete gegen bisherige nationale Projekte

US-Rettungspakete gegen bisherige nationale Projekte

Sieht so aus, als müsste der Spruch überarbeitet werden.

Quelle: econompicdata.com

Das deutsche Konjunkturpaket und die Leistungsbilanz

Mein Eindruck ist, dass die Regierung vor allem deswegen gegen ein umfangreiches Konjunkturpaket ist, weil sie befürchtet, eine Erhöhung des deutschen Konsums würde Deutschland nicht helfen, sondern vor allem ins Ausland abfließen. Diese Befürchtung ist wohl nicht ganz unberechtigt, wenn man sich die Struktur der deutschen Güterproduktion ansieht. Die Frage ist aber, ob das wirklich ein Problem ist, oder nicht viel eher ein Schritt zur Lösung des Problems.

Im letzten Jahrhundert wurde einmal das goldene Rechteck der Wirtschaftspolitik definiert: Ausgeglichener Haushalt, Vollbeschäftigung, gleichmäßiges Wirtschaftswachstum und eine ausgeglichene Leistungsbilanz. Gerade der letzte Punkt wird in Deutschland aber verletzt: abgesehen von den erdölexportierenden Ländern ist Deutschland nach China das Land mit dem höchsten Leistungsbilanzüberschuss – 279 Mrd. US-$, oder 7,3% des BIP. Das bedeutet letztendlich, Deutschland produziert pro Jahr 7,3% mehr als es konsumiert. Gleichzeitig wirft die Kanzlerin aber den anderen Ländern, die unsere Produkte abnehmen vor, gegen den guten Menschenverstand einer schwäbischen Hausfrau zu verstoßen und mehr zu konsumieren als zu produzieren – man sollte vielleicht mal anmerken, dass dies zu einer ausgeglichenen Bilanz. Gleichzeitig ist aber der Punkt nicht von der Hand zu weisen, dass die Lösung nicht darin bestehen könnte, dass jetzt die Länder, die ohnehin schon überschuldet sind, noch mehr Schulden aufhäufen, um damit die Konjunktur wieder anzuschieben.

Geht man also davon aus, dass es insgesamt wünschenswert erscheint, die notwendige Rezession so abzufedern, dass keine selbstverstärkende Depression daraus wird, so gehört dazu wohl eine Erhöhung der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage, die zur Zeit nur vom Staat ausgelöst werden kann. Geht man gleichzeitig davon aus, dass global gesehen die Konjunkturprogramme so wirken sollten, dass Ungleichgewichte im Außenhandel abgebaut, und nicht verstärkt werden sollten, dann ist die Schlußfolgerung logisch, dass hier Deutschland, als ein Land mit dem höchsten Leistungbilanzüberschuss, ein überdurchschnittliches Konjunkturprogramm auflegen sollte – auch wenn dann letztendlich der Staat damit französische Autos und italienische Weine bezahlt.

Dieser Artikel wurde von Martin Wolf inspiriert, wobei dieser noch sehr viel deutlichere Worte findet:

In normal times, current account surpluses of countries that are either structurally mercantilist – that is, have a chronic excess of output over spending, like Germany and Japan – or follow mercantilist policies – that is, keep exchange rates down through huge foreign currency intervention, like China – are even useful. In a crisis of deficient demand, however, they are dangerously contractionary.

Countries with large external surpluses import demand from the rest of the world. In a deep recession, this is a “beggar-my-neighbour” policy. It makes impossible the necessary combination of global rebalancing with sustained aggregate demand.

In short, if the world economy is to get through this crisis in reasonable shape, creditworthy surplus countries must expand domestic demand relative to potential output. How they achieve this outcome is up to them. But only in this way can the deficit countries realistically hope to avoid spending themselves into bankruptcy.

Links – Collateralized Debt Obligations

… oder, was sie schon immer über CDO wissen wollten, aber sich nie getraut haben zu fragen. Ein paar Artikel von Felix Simon und einer von Sam Jones bringen Klarheit in diese trübe Geschichte.

Animation der CDO von Portfolio.com

CDOs und Overcollateralization

Understandig Synthetics

Super Senior Tranches I – so risikolos, dass man sie nicht absichern muss (oder auch nicht)

Super Senior Tranches II – oder wie erhöhe ich das Risiko der AAA-Tranche, ohne dass die Ratingagentur was davon merkt

Und wie funktioniert dass mit der Absicherung? Teil 1

Und wie funktioniert dass mit der Absicherung? Teil 2

Mea Culpa – Risikomanagement-Ausgabe

Vor ein paar Tagen hatte ich auf den Artikel von Martin Wolf verwiesen, der als Chefvolkswirt der FT sich die Frage gestellt hat, warum die Volkswirte diese Krise nicht haben sehen können.

Jetzt schreibt Matthew Stewart, der als Risikomanagement-Berater gearbeitet hat, warum die Risikomanagement-Modelle versagt haben. Meiner Meinung nach die Kernaussage:

At the bottom of every financial model there is in fact a stubborn lie—the pretense that financial markets operate in the manner of a physical process, subject to the iron laws of statistics, like atoms bouncing around in a thermodynamic equilibrium. This beguiling analogy makes it too easy for geeks like me to lose sight of a timeless truth: If atoms could talk to one another, then the laws of thermodynamics would get broken every day by clouds of stampeding gases.

Andererseits wehrt er sich auch dagegen, dass jetzt die Schuld für die Krise bei den Quants abgeladen wird:

Models don’t kill banks; bankers kill banks. We geeks may grunt a lot (we want the world to know how laborious our calculations are), but the truth is that our models aren’t that hard to build, and they aren’t that hard to take apart. When bankers and their advisers fail to question the premises of these models, it’s usually because they find those premises quite congenial. The models merely provide an excuse to exercise a faculty for which human beings have always shown a special talent, namely, wishful thinking.

Als Ursache für die Krise sieht er eher die Möglichkeiten der Selbstregulierung, und die Kompensationsmechanismen, die sich in den Investmentbanken breit gemacht haben:

At the origin of the current crisis is not a new kind of mathematics but a fundamental change in the system of rewards and punishments that steers the financial management of the modern economy.

Schumpeter’s followers need no longer worry about risk-averse corporate bureaucrats. Thanks to heads-I-win-tails-you-lose incentive plans, not to mention „regulation“ that consists of urging banks to keep a close eye on themselves, the leaders of our large financial institutions have become some of the riskiest people in business. Indeed, their willingness to gamble with other people’s money represents a new, fundamental force in modern capitalism. Schumpeter, lifting a line from Friedrich Nietzsche, talked about the gales of „creative destruction“ that sweep away the unproductive elements in a capitalist economy and make way for the new.  In this reckless age, the right phrase would be „destructive destruction.“