Lesestunde 02.10.2010

Okay, worüber bin ich heute gestoplert?

Ein neues Paper zur Frage, wie Finanzmarktblasen entstehen, wurde von Andrew Odlyzko veröffentlich. Dieser kommt zum Schluss, dass hierfür vor allem die Leichtgläubigkeit der Investoren verantwortlich ist, und schlägt einen Index zur Messung der aktuellen Leichtgläubigkeit vor. Dieser misst die erwartete Rendite (normalerweise 10% für Aktien p. a., in Blasenzeiten ca. 20%), untersucht die Verbreitung von Zahlenanalphabetismus, die in Boomzeiten anscheinend zunimmt, und die Erfolgsrate von Nigera-Spam. Die Autoren von FT Alphaville haben aber Zweifel, dass die Verfügbarkeit eines solchen Index das Auftreten von Blasen verhindern würde, da sie bezweifeln, dass sich Anleger an Fundamentalwerten orientieren. Vielmehr gehen sie davon aus, dass sich Anleger am erwarteten Verhalten der anderen Investoren orientieren, was wiederum in den Bereich rationaler Blasen führt.

FT Alphaville hat eine interessante Geschichte aufgeschnappt: Demnach wurde der Eigenhandel (prop trading) von den Banken bereits unmittelbar nach der Krise deutlich eingeschränkt, wie man am Rückgang des Eigenkapitalhebels sieht.

Entwicklung des Eigenhandels 2008-2010
Entwicklung des Eigenhandels 2008-2010

Tim Harford hat einen schönen Artikel über verschiedene Modelle der Wachstumstheorie. Für mich ist dies das optimistischste Fach, dass es in der Volkswirtschaftslehre gibt, denn sie zeigt, dass auch die schwersten negativen Schocks in relativ kurzer Zeit überwunden werden können – die beeindruckendste Grafik war für mich dabei, wie mit einer einfachen Differentialgleichung das deutsche Wirtschaftswunder in der Nachkriegszeit zu einem Gutteil erklärt werden kann.

BIP (log) Deutschland 1850-2008
BIP (log) Deutschland 1850-2008

Daten: Maddison

Felix Salmon verlinkt auf einen Artikel, der die Reprivatisierung von AIG unter die Lupe nimmt, und der zu folgenden offenen Fragen führt:

  1. The fact that we’re doing this conversion in the first place. The preferred stock we currently own pays a regular coupon, while the equity we’re swapping it for was described as worthless by AIG itself not so long ago.
  2. The fact that as part of the deal we’re giving current AIG shareholders free warrants to buy stock at $45 per share. Which is very generous of us, but what have they done to deserve this?
  3. Most importantly, the fact that the stock we’re swapping into is worth less, at current valuations, than the preferred stock we’re swapping out of. To the tune of about $6.6 billion.

Tatsächliche und wahrgenommene Einkommensverteilung

In den USA wird zur Zeit darüber diskutiert, Steuererleichterungen für Haushalte über 250.00US-$ auslaufen zu lassen. Dieser Vorschlag ist bei weitem nicht so populär in Zeiten angespannter Haushalte, wie man glauben sollte. Dies könnte unter anderem an einer deutlichen Diskrepanz zwischen der tatsächlichen Position eines Haushalts bei der Einkommensverteilung liegen und der wahrgenommenen Position, wie David Brooks in der New York Times berichtet:

The most telling polling result from the 2000 election was from a Time magazine survey that asked people if they are in the top 1 percent of earners. Nineteen percent of Americans say they are in the richest 1 percent and a further 20 percent expect to be someday. So right away you have 39 percent of Americans who thought that when Mr. Gore savaged a plan that favored the top 1 percent, he was taking a direct shot at them.

19% der Befragten glaubten also, zu den Top-1% der Einkommen zu gehören, und weitere 20% glauben, eines Tages zu dieser Gruppe zu gehören. Fast die Hälte der Amerikaner fühlen sich also von Steuererhöhungen für die Top-1%-Verdiener bedroht, was dann auch erklärt, warum die Republikaner erfolgreich gegen die Steuererhöhung für diese Gruppe opponieren kann.

Und sie bewegt sich doch.

So angeblich Galileo Galilei, nachdem er vom Vatikan gezwungen wurde, die heliozentrische Theorie zu widerrufen. Seine Gegenspieler waren die Jesuiten, die aus theologischen Gründen an der Theorie festhielten, die Erde stände im Mittelpunkt des Weltalls. So ähnlich wie die Jesuiten versucht auch Richard Posner, einer der Anführer der Chicagoer Ökonomen, die Annahme rationalen Handelns auf den Finanzmärkten zu verteidigen. Das wäre nicht besonders interessant, aber lesenswert ist Brad DeLongs Replik, in der er wesentliche Irrationalitäten der Finanzmärkte aufzeigt.

Der amerikanische (Alp-)Traum

Eine sehr persönliche Geschichte eines Wirtschaftsredakteurs der New York Times, der in die amerikanische Schuldenfalle aus Subprime-Hypothekenkredit, Kreditkarten-Zinsen und Konsumwünschen geraten ist, obwohl er es hätte besser wissen müssen

How could a person who wrote about economics for a living fall into the kind of credit-card trap that consumer groups had warned about for years?

Now for something completely different

Was zum Schmunzeln: Anscheinend gibt es in New York einen Partyveranstalter, der sich darauf spezialisiert hat, Mitarbeiterinnen der Modelwelt mit Mitarbeitern der Finanzwelt zusammenzubringen (s. FT Alphaville). Gleichzeitig berichtet der Spiegel, dass die Orgasmushäufigkeit von Frauen mit dem Einkommen der Männer stark korreliert ist (hier die Original-Studie).

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