Lesestunde 06.10.2010

Heute mal vor allem Links.

Calculated Risk verlinkt zu einer Reihe von Artikeln, die die schlechten Aussichten der US-Wirtschaft betonen, oder in den Worten von Jan Hatzius, Chefvolkswirt von Goldman Sachs:

We see two main scenarios for the economy over the next 6-9 months—a fairly bad one in which the economy grows at a 1½%-2% rate through the middle of next year and the unemployment rate rises moderately to 10%, and a very bad one in which the economy returns to an outright recession. There is not much probability of a significantly better outcome.

Dazu auch ein Artikel von FT Alphaville.

Die Stärke des Euros wird von FT Alphaville diskutiert, und welche Probleme dies besonders für die Länder an der Peripherie (Griechenland, Portugal, Irland z. B.) hat.

Chris Giles beschreibt, welche Probleme und Lösungsmöglichkeiten es für die internationale Politik gibt, das schwache Wachstum zu beschleunigen.

Martin Wolf diskutiert, wie man einen Abwertungskrieg mit China führen müsste. Yves Smith hat hierzu weitere Quellen.

Josh Kaufman beschreibt, wie man mehrere 100.000 US-$ und 2 Jahre seines Lebens einsparen und auf einen (Harvard/Wharton/…)-MBA verzichten kann.

Modeled Behavior gibt einen Überblick über die unterschiedlichen Makro-Modelle, die theoretischer Hintergrund für die aktuelle Diskussion über die einzusetzenden Politikmaßnahmen sind. Paul Krugman hat ein paar Kommentare dazu.

Kid Dynamite hat eine Antwort auf die Frage bekommen, weshalb das US-Finanzminister jetzt seine AIG-Anteile verkauft.

Die Ratingagenturen waren eine wichtige Ursache für das Entstehen der Finanzkrise. NBER hat jetzt den Einfluss der Zunahme des Wettbewerbs auf dem Markt für Ratings untersucht und kommt zu dem Schluss, dass die Qualität mit zunehmendem Wettbewerb abgenommen hat. Wenn dies zutrifft, spricht hier vieles für die Existenz eines natürlichen Monopols – folglich sollte diese Aufgabe vom Staat übernommen werden (bzw. von einer überstaatlichen Agentur). FT Alphaville hat eine Zusammenfassung des Paper.

Stephen Cechetti, Volkwirt bei der Bank für internationalen Zahlungsausgleich (BIZ), hat in einem Vortrag den Fortschritt bei der Reform der Finanzmarktregulierung zusammengefasst.

Lesestunde 02.10.2010

Okay, worüber bin ich heute gestoplert?

Ein neues Paper zur Frage, wie Finanzmarktblasen entstehen, wurde von Andrew Odlyzko veröffentlich. Dieser kommt zum Schluss, dass hierfür vor allem die Leichtgläubigkeit der Investoren verantwortlich ist, und schlägt einen Index zur Messung der aktuellen Leichtgläubigkeit vor. Dieser misst die erwartete Rendite (normalerweise 10% für Aktien p. a., in Blasenzeiten ca. 20%), untersucht die Verbreitung von Zahlenanalphabetismus, die in Boomzeiten anscheinend zunimmt, und die Erfolgsrate von Nigera-Spam. Die Autoren von FT Alphaville haben aber Zweifel, dass die Verfügbarkeit eines solchen Index das Auftreten von Blasen verhindern würde, da sie bezweifeln, dass sich Anleger an Fundamentalwerten orientieren. Vielmehr gehen sie davon aus, dass sich Anleger am erwarteten Verhalten der anderen Investoren orientieren, was wiederum in den Bereich rationaler Blasen führt.

FT Alphaville hat eine interessante Geschichte aufgeschnappt: Demnach wurde der Eigenhandel (prop trading) von den Banken bereits unmittelbar nach der Krise deutlich eingeschränkt, wie man am Rückgang des Eigenkapitalhebels sieht.

Entwicklung des Eigenhandels 2008-2010
Entwicklung des Eigenhandels 2008-2010

Tim Harford hat einen schönen Artikel über verschiedene Modelle der Wachstumstheorie. Für mich ist dies das optimistischste Fach, dass es in der Volkswirtschaftslehre gibt, denn sie zeigt, dass auch die schwersten negativen Schocks in relativ kurzer Zeit überwunden werden können – die beeindruckendste Grafik war für mich dabei, wie mit einer einfachen Differentialgleichung das deutsche Wirtschaftswunder in der Nachkriegszeit zu einem Gutteil erklärt werden kann.

BIP (log) Deutschland 1850-2008
BIP (log) Deutschland 1850-2008

Daten: Maddison

Felix Salmon verlinkt auf einen Artikel, der die Reprivatisierung von AIG unter die Lupe nimmt, und der zu folgenden offenen Fragen führt:

  1. The fact that we’re doing this conversion in the first place. The preferred stock we currently own pays a regular coupon, while the equity we’re swapping it for was described as worthless by AIG itself not so long ago.
  2. The fact that as part of the deal we’re giving current AIG shareholders free warrants to buy stock at $45 per share. Which is very generous of us, but what have they done to deserve this?
  3. Most importantly, the fact that the stock we’re swapping into is worth less, at current valuations, than the preferred stock we’re swapping out of. To the tune of about $6.6 billion.

Lesestunde 01.10.2010

Die FED hat eine Untersuchung veröffentlicht, welchen Effekt Quantitative Easing (also unorthodoxe expansive Geldpolitik wie der Ankauf von T-Bonds durch die FED) auf die Zinsstruktur hat, wie FT Alphaville berichtet: Demnach wurde durch die Politik die Zinsstrukturkurve insgesamt um 50 Basispunkte nach unten verschoben – wie die Autoren der Studie feststellen, ein überraschend großer Effekt, wenn man bedenkt, dass die Aktion für den Markt nicht überraschend war (und daher eigentlich vom Markt hätte antizipiert werden müssen).

John Kiff argumentiert im Blog des IMF, dass die Dominanz der Ratingagenturen endlich beendet werden muss.

Martin Wolf verzweifelt derweil am IFM, die zumindest in Hinblick auf wirksame Wirtschaftspolitik noch im alten Dogma gefangen sind: Überschuldete Staaten müssen demnach Haushalte drastisch zusammenstreichen, selbst wenn dies zu einem Zusammenbruch der Konjunktur (und damit verbunden weitere Rückgänge der Staatseinnahmen) führt. Hier scheint der IFM aber nur noch nicht in Politik umzusetzen, was von seinen Volkswirten schon festgestellt wurde, da ein Diskussionspapier des IFM zu dem Schluss kommt, dass Einschnitte im Staatshaushalt keinen positiven Wachstumseffekt haben.

Duff McDonald dokumentiert die Diskussion an der Wall Street, ob der Finanzsektor in den USA nicht ein klein wenig zu groß geworden ist – vernünftige Stimmen gehen davon aus, dass der Sektor ungefähr auf die Hälfte schrumpfen wird, oder, in den Worten von Marktbeobachter Jeremy Grantham

The financial services industry accounted for just 3% of GDP in 1965. By the end of 2007, that proportion was a remarkable 7.5%. This extra 4.5% would seem to be without material value except to the recipients.

Felix Salmon kommentiert den Denkfehler bei der Diskussion in den USA über die Steuererhöhung für Einkommen über 250.000 US-$: Wie auch Jonathan Chait betont, ist es ein Denkfehler anzunehmen, durch diese Erhöhung würden Haushalte mit einem Einkommen von 250k genauso besteuert werden wie Haushalte mit 5 Mio. Einkommen, da der höhere Steuersatz nur für das Einkommen angewendet wird, das über 250k liegt – bei einem Haushalt mit 250.001 $ also nur 1 $, aber beim Haushalt mit 5 Mio. 4,75 Mio.

Brad DeLong verdeutlicht, dass die Rezession – vor allem in den USA – ein Ergebnis des Nachfragezusammenbruchs ist, und dass deshalb Staatsausgaben nicht verringert werden sollten, und dass es noch genügend Spielraum bei der Neuverschuldung für die USA gibt.

Die IgNobel-Preise wurden vergeben. Gewürdigt wurden dieses Jahr u. a. die Arbeit von Rietveld und van Beest, die feststellen, dass Asthma-Symptome durch Achterbahn-Fahrten verringert werden können (Medizin), Stephens, Atkins und Kingston für den Nachweis, dass Schimpfen Schmerzen lindert (Frieden) und Pluchino, Rapisarda und Garofalo für das Ergebnis, dass Organisationen sich besser entwickeln würden, wenn Beförderungen zufällig verteilt würden (Management). Bemerkenswert natürlich auch die Arbeit von Zhang et. al., die für die Dokumentation des Fellatio bei Fledermäusen mit dem IgNobel-Preis für Biologie ausgezeichnet wurden.

Die Humor Session mit Youram Bauman bei der AEA:

Barry Ritzhold hat derweil 10 Vorschläge für einen neuen Goldman Sachs Claim.

Top 10 Ideas for Goldman Sachs New Ad Campaign

10. Under Buffett’s protection since 2008

9. Putting the zero in zero-sum game.

8. Government Bailout: $29 billion
SEC Settlement: $550 million
Doing God’s work? Priceless.

7. Helping you forget about Bernie Madoff one CDO at a time

6. Goldman Sachs: America’s Counterparty

5. Let us do for you what we did for Greece.

4. Like we give a fuck what you think about us . . .

3. Goldman Sachs: There are some things money can’t buy. For everything else, there’s JPMorgan.

2. The Rothschilds were Pussies

And the number 1 advertising slogan for the new Goldman Sachs ad campaign:

1. We put the douche in fiduciary

Revolution zeigt, wie man in 14 Code-Zeilen mit R eine Animation der Mandelbrot-Menge erstellt. (Auf die Grafik klicken für die Animation)

Klick mich!

Was heisst eigentlich „systemrelevant“?

Im Forum von Spiegel Online wurde folgende Frage aufgeworfen, dieser Artikel ist der Versuch einer Erklärung

Ich hätte die Systemrelevanz im Einzelfall mal gerne erläutert. Wieso gibt es dazu keine Sondersendungen im Fernsehen? Bei Amokläufen wird bis in die letzten Winkel und Hintergründe recherchiert und berichtet. Bei „notleidenden“ Banken wird kurz auf die Systemrelevanz verwiesen und ganze Staatshaushalte zur Notlinderung bereitgestellt.

Ich glaub, NAIS hat da mit dem Verweis auf die Verkehrsinfrastruktur schon einen guten Vergleich gebracht. Das Problem ist, dass es für große Banken zur Zeit kein System der geordneten Liquidierung im Fall einer Insolvenz gibt (das Problem der Illiquidität bei Solvenz wird durch die Zentralbank gelöst, die in einem solchen Fall mit unbegrenzten Krediten gegen Sicherheiten einspringt).

Zur Verdeutlichung – Illiquide: Ich kann meine Rechnungen nicht bezahlen, weil ich kein Geld habe. Insolvenz: Meine Verbindlichkeiten übersteigen mein Vermögen. Beispiel: Jemand hat ein Haus für 300.000 EUR, aber sein Girokonto ist leer – in dem Moment ist er illiquide, und kann zunächst seine Rechnungen nicht bezahlen, er ist also auf einen Geldgeber angewiesen, was aber aufgrund der vorhandenen Sicherheit kein Problem sein sollte. Hat z. B. ein Unternehmen aber Vermögen (Bargeld, Maschinen, Forderungen aus Lieferungen) von 200.000 und Verbindlichkeiten von 500.000, ist es insolvent, und muss dementsprechend Insolvenz anmelden. Die Insolvenz ist bei den meisten Menschen, die vom Gehalt leben, nur schwer festzumachen, weil eben dieses Gehaltseinkommen in der Übersicht der vorhandenen Vermögenswerte nicht enthalten ist.

In dem Beispiel der Illiquidität wird eine wesentliche Aufgabe von Banken aufgezeigt: Durch die Kreditvergabe an solvente, also nicht überschuldete Personen und Unternehmen sorgen sie für einen Ausgleich, wenn Zahlungseingänge und Zahlungsausgänge auseinanderfallen, d. h. sie wirken als Verteiler von Kunden, die einen Überschuss an Geld haben zu Kunden, die vorübergehend zu wenig Geld haben. Die Gesamtheit der Banken bilden damit ein System, dass dafür sorgt, dass die gesamte Volkswirtschaft liquide bleibt.

Innerhalb des Bankensystems kommt es zu ähnlichen Schwankungen, wie bei den Bankkunden der einzelnen Banken, d. h. einzelne Banken haben überschüssige Mittel, und andere brauchen Liquidität. An dieser Stelle taucht dann die Frage der Systemrelevanz auf: Eine Bank wird dann als systemrelevant angesehen, wenn ihr Austritt aus dem Markt – also ihre Pleite – zu einem Zusammenbruch des Bankensystems führen würde.

Wie muss man sich das vorstellen? Betrachten wir zunächst ein Bankensystem ohne systemrelevante Banken – dies wäre ein System, in dem der Ausfall einer Bank X als Kreditgeber- oder Kreditnehmer nicht zu einem Zusammenbruch führt, weil die anderen Banken, die X Kredite gewährt haben, die Verluste verkraften können, weil sie über hinreichendes Eigenkapital verfügen, und weil ihre Kredite an X klein genug waren, um das Eigenkapital nicht aufzuzehren. Banken hingegen, die von X Kredite bekommen haben, können sich ohne Probleme bei den anderen Banken mit Mitteln versorgen, weil genügend Liquidität im System vorhanden ist. Für die Liquidität im System sorgt die Zentralbank, wie z. B. die EZB diese Woche mit einem 1-Jahres-Tender in Höhe von 442 Mrd. €, diesen Punkt brauchen wir im Weiteren also nicht zu betrachten. Ein solche System mit hinreichen kapitalisierten Banken wäre also stabil, weil es nicht zu einem Dominoeffekt kommen könnte, bei dem der Zusammenbruch einer Bank eine nicht zu stoppende Kettenreaktion zur Folge hätte.

Damit kommen wir zur Frage, was eine systemrelevante Bank ausmacht: Eine Bank wäre dann systemrelevant, wenn ihr Zusammenbruch und Ausscheiden aus dem Markt zu einer solchen Kettenreaktion führen würde, bei der am Ende das Bankensystem als Ganzes aufhört zu funktionieren. Eine Kategorie von systemrelevanten Banken sind Banken, die zu groß sind – wenn eine Bank hinreichend groß geworden ist, dann kann ihr Ausfall als Kreditnehmer dazu führen, dass die damit verbundenen Verluste bei den Kreditgebern zu einer Aufzehrung des Eigenkapitals führt, wodurch diese Banken selbst insolvent werden, was wiederum bei bisher unbeteiligten Banken zu Verlusten führt, die möglicherweise an dieser Stelle zu Verlusten und weiteren Insolvenzen führt usw. usf. Man kann sich dann den Unterschied zwischen systemrelevanten und nicht systemrelevanten Banken vorstellen wie den Unterschied zwischen einem Atomkraftwerk und einer Atombombe: Während im Atomkraftwerk die Zahl der Energie abgebenden Kernspaltungen ungefähr konstant bleibt, explodiert die Zahl der Kernspaltungen, was im Endeffekt zur Zerstörung des Systems führt.

Ein weiteres Beispiel für systemrelevante Banken sind Banken, die zu stark mit dem System verbunden sind, auch wenn sie relativ klein sind. Beispiele hierfür sind Kreditversicherer wie AIG oder Gegenparteien wie Bear Stearns: AIG hat für Banken etwas angeboten, was regulatorische Arbitrage genannt wird: Aufgrund der Eigenkapitalvorschriften von Basel II müssen Banken für Wertpapiere mit unterschiedlichem Ausfallrisiko unterschiedlich hohe Eigenkapitalreserven halten. Eine Eigenkapitalreserve ist für die Bank mit Kosten verbunden, weil sie keine Rendite bringt, die Bank ist daher bestrebt, zur Renditemaximierung das Eigenkapital möglichst klein zu halten. Regulatorische Arbitrage funktioniert dann so, dass eine Bank ein riskantes Papier bei AIG versichert hat. Dadurch war die Bank in der Lage, die Reserve für das riskante Papier zu verringern entsprechend dem Ausfallrisiko von AIG – und von den Ratingagenturen wurde festgehalten, dass der Ausfall von AIG so unwahrscheinlich war wie der Ausfall der Bundesrepublik Deutschland oder der USA – die erhielten also das Rating AAA. Das Problem hierbei ist, dass bei AIG das Risikomanagement versagt hat: Die abgeschlossenen Kreditversicherungen übertrafen bei Weitem die Tragfähigkeit der Versicherung, ohne dass dies AIG selbst oder den Ratingagenturen aufgefallen wäre. An dem Punkt, als die Versicherungen aufgrund der Krise dann ausgezahlt werden mussten, wäre AIG also ohne die Rettung durch den Staat pleite gewesen, so dass zum einen bestimmte Versicherungsnehmer ohne Versicherungsschutz dagestanden hätten, und zum anderen Banken, deren Wertpapiere noch in Ordnung waren, ihr Eigenkapital an das Risiko der Wertpapiere hätten anpassen müssen – ohne AIG wären die Eigenkapitalvorschriften verletzt worden, und die Bankenaufsichten hätten die Banken schließen müssen. Hiervon waren in Europa eine Reihe von systemrelevante Banken betroffen – die Insolvenz von AIG hätte also zu einem Zusammenbruch des europäischen Bankensystems geführt.

Was heisst eigentlich "systemrelevant"?

Im Forum von Spiegel Online wurde folgende Frage aufgeworfen, dieser Artikel ist der Versuch einer Erklärung

Ich hätte die Systemrelevanz im Einzelfall mal gerne erläutert. Wieso gibt es dazu keine Sondersendungen im Fernsehen? Bei Amokläufen wird bis in die letzten Winkel und Hintergründe recherchiert und berichtet. Bei „notleidenden“ Banken wird kurz auf die Systemrelevanz verwiesen und ganze Staatshaushalte zur Notlinderung bereitgestellt.

Ich glaub, NAIS hat da mit dem Verweis auf die Verkehrsinfrastruktur schon einen guten Vergleich gebracht. Das Problem ist, dass es für große Banken zur Zeit kein System der geordneten Liquidierung im Fall einer Insolvenz gibt (das Problem der Illiquidität bei Solvenz wird durch die Zentralbank gelöst, die in einem solchen Fall mit unbegrenzten Krediten gegen Sicherheiten einspringt).

Zur Verdeutlichung – Illiquide: Ich kann meine Rechnungen nicht bezahlen, weil ich kein Geld habe. Insolvenz: Meine Verbindlichkeiten übersteigen mein Vermögen. Beispiel: Jemand hat ein Haus für 300.000 EUR, aber sein Girokonto ist leer – in dem Moment ist er illiquide, und kann zunächst seine Rechnungen nicht bezahlen, er ist also auf einen Geldgeber angewiesen, was aber aufgrund der vorhandenen Sicherheit kein Problem sein sollte. Hat z. B. ein Unternehmen aber Vermögen (Bargeld, Maschinen, Forderungen aus Lieferungen) von 200.000 und Verbindlichkeiten von 500.000, ist es insolvent, und muss dementsprechend Insolvenz anmelden. Die Insolvenz ist bei den meisten Menschen, die vom Gehalt leben, nur schwer festzumachen, weil eben dieses Gehaltseinkommen in der Übersicht der vorhandenen Vermögenswerte nicht enthalten ist.

In dem Beispiel der Illiquidität wird eine wesentliche Aufgabe von Banken aufgezeigt: Durch die Kreditvergabe an solvente, also nicht überschuldete Personen und Unternehmen sorgen sie für einen Ausgleich, wenn Zahlungseingänge und Zahlungsausgänge auseinanderfallen, d. h. sie wirken als Verteiler von Kunden, die einen Überschuss an Geld haben zu Kunden, die vorübergehend zu wenig Geld haben. Die Gesamtheit der Banken bilden damit ein System, dass dafür sorgt, dass die gesamte Volkswirtschaft liquide bleibt.

Innerhalb des Bankensystems kommt es zu ähnlichen Schwankungen, wie bei den Bankkunden der einzelnen Banken, d. h. einzelne Banken haben überschüssige Mittel, und andere brauchen Liquidität. An dieser Stelle taucht dann die Frage der Systemrelevanz auf: Eine Bank wird dann als systemrelevant angesehen, wenn ihr Austritt aus dem Markt – also ihre Pleite – zu einem Zusammenbruch des Bankensystems führen würde.

Wie muss man sich das vorstellen? Betrachten wir zunächst ein Bankensystem ohne systemrelevante Banken – dies wäre ein System, in dem der Ausfall einer Bank X als Kreditgeber- oder Kreditnehmer nicht zu einem Zusammenbruch führt, weil die anderen Banken, die X Kredite gewährt haben, die Verluste verkraften können, weil sie über hinreichendes Eigenkapital verfügen, und weil ihre Kredite an X klein genug waren, um das Eigenkapital nicht aufzuzehren. Banken hingegen, die von X Kredite bekommen haben, können sich ohne Probleme bei den anderen Banken mit Mitteln versorgen, weil genügend Liquidität im System vorhanden ist. Für die Liquidität im System sorgt die Zentralbank, wie z. B. die EZB diese Woche mit einem 1-Jahres-Tender in Höhe von 442 Mrd. €, diesen Punkt brauchen wir im Weiteren also nicht zu betrachten. Ein solche System mit hinreichen kapitalisierten Banken wäre also stabil, weil es nicht zu einem Dominoeffekt kommen könnte, bei dem der Zusammenbruch einer Bank eine nicht zu stoppende Kettenreaktion zur Folge hätte.

Damit kommen wir zur Frage, was eine systemrelevante Bank ausmacht: Eine Bank wäre dann systemrelevant, wenn ihr Zusammenbruch und Ausscheiden aus dem Markt zu einer solchen Kettenreaktion führen würde, bei der am Ende das Bankensystem als Ganzes aufhört zu funktionieren. Eine Kategorie von systemrelevanten Banken sind Banken, die zu groß sind – wenn eine Bank hinreichend groß geworden ist, dann kann ihr Ausfall als Kreditnehmer dazu führen, dass die damit verbundenen Verluste bei den Kreditgebern zu einer Aufzehrung des Eigenkapitals führt, wodurch diese Banken selbst insolvent werden, was wiederum bei bisher unbeteiligten Banken zu Verlusten führt, die möglicherweise an dieser Stelle zu Verlusten und weiteren Insolvenzen führt usw. usf. Man kann sich dann den Unterschied zwischen systemrelevanten und nicht systemrelevanten Banken vorstellen wie den Unterschied zwischen einem Atomkraftwerk und einer Atombombe: Während im Atomkraftwerk die Zahl der Energie abgebenden Kernspaltungen ungefähr konstant bleibt, explodiert die Zahl der Kernspaltungen, was im Endeffekt zur Zerstörung des Systems führt.

Ein weiteres Beispiel für systemrelevante Banken sind Banken, die zu stark mit dem System verbunden sind, auch wenn sie relativ klein sind. Beispiele hierfür sind Kreditversicherer wie AIG oder Gegenparteien wie Bear Stearns: AIG hat für Banken etwas angeboten, was regulatorische Arbitrage genannt wird: Aufgrund der Eigenkapitalvorschriften von Basel II müssen Banken für Wertpapiere mit unterschiedlichem Ausfallrisiko unterschiedlich hohe Eigenkapitalreserven halten. Eine Eigenkapitalreserve ist für die Bank mit Kosten verbunden, weil sie keine Rendite bringt, die Bank ist daher bestrebt, zur Renditemaximierung das Eigenkapital möglichst klein zu halten. Regulatorische Arbitrage funktioniert dann so, dass eine Bank ein riskantes Papier bei AIG versichert hat. Dadurch war die Bank in der Lage, die Reserve für das riskante Papier zu verringern entsprechend dem Ausfallrisiko von AIG – und von den Ratingagenturen wurde festgehalten, dass der Ausfall von AIG so unwahrscheinlich war wie der Ausfall der Bundesrepublik Deutschland oder der USA – die erhielten also das Rating AAA. Das Problem hierbei ist, dass bei AIG das Risikomanagement versagt hat: Die abgeschlossenen Kreditversicherungen übertrafen bei Weitem die Tragfähigkeit der Versicherung, ohne dass dies AIG selbst oder den Ratingagenturen aufgefallen wäre. An dem Punkt, als die Versicherungen aufgrund der Krise dann ausgezahlt werden mussten, wäre AIG also ohne die Rettung durch den Staat pleite gewesen, so dass zum einen bestimmte Versicherungsnehmer ohne Versicherungsschutz dagestanden hätten, und zum anderen Banken, deren Wertpapiere noch in Ordnung waren, ihr Eigenkapital an das Risiko der Wertpapiere hätten anpassen müssen – ohne AIG wären die Eigenkapitalvorschriften verletzt worden, und die Bankenaufsichten hätten die Banken schließen müssen. Hiervon waren in Europa eine Reihe von systemrelevante Banken betroffen – die Insolvenz von AIG hätte also zu einem Zusammenbruch des europäischen Bankensystems geführt.